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FRÜHJAHR 2020

In der Nacht, bevor die Kontaktsperre kam, habe ich geträumt, dass direkt über uns zwei große Passagier-Flugzeuge in der Luft zusammen gestoßen sind. Die Maschinen sind in unzähligen einzelnen Wrack-Teilen auf uns gefallen. Das ist wahrscheinlich ein ganz gutes Bild dafür, was im Moment passiert und das in einem derartigen Tempo, dass sich die Prioritäten fast täglich ändern. Von wirtschaftlichen Ängsten zu Beginn, der Traurigkeit über die beruflichen Existenzen der ganzen Selbstständigen, die drohen, daran zu zerbrechen, über den Verlust der sozialen Kontakte und des gewohnten Lebens. Und dann denkt man an das ganze medizinische Personal, an die Politiker und Verantwortlichen, auf denen ein unfassbarer Druck lasten muss. An die Menschen, die alleine sterben müssen und die Angehörigen, die nicht da sein dürfen. Und die Gedanken werden immer schlimmer, weil man irgendwann an den Punkt gelangt, sich noch mal bewusst vor Augen zu führen, dass es Orte auf der Welt gibt, an denen „den-Virus-zu-Hause-aussitzen“ ein wahres Luxus-Problem ist und wo es auch dann nicht gut ist, wenn wir hier vielleicht einen Impfstoff gefunden und die Sache weitestgehend ausgestanden haben.

Und doch ist da die Hoffnung, dass danach etwas Gutes kommt. Man sich wieder aufs Wesentliche konzentriert. Erkennt, dass der Virus nicht vor irgendeiner Nationalität, Hautfarbe oder Religion halt macht, weil eben alle gleich sind. Verantwortung übernimmt. Wertschätzt. Familie, Freunde, Tiere, die Natur, Berufe, Werte. Und die Welt zumindest ein kleines bisschen besser wird.

WOCHE 1

Die Porta, der Kaiser Wilhelm und der Fernsehturm, ein Ausblick, der für Heimat steht. Jetzt wohnen wir wieder dort. Nur ein kleines Stück von genau diesem Ausblick entfernt, von der Heimat, und doch weiter weg, als irgendwann anders.

Sonntags fährt Lina mit Papa Brötchen holen. Zur Zeit darf sie nicht mit und bringt die Brötchen nur von der Haustür zum Tisch. Die Freude ist nicht weniger groß und sie lacht das Ganze einfach weg!

Yoga-Stunden finden per Telefonkonferenz statt, meine Mutter näht Atemschutzmasken und alles ist leer. Die Läden, Restaurants und Cafés sind zu, mitten in der Woche.

Über all dem lacht die Sonne, was irgendwie zynisch ist, aber gleichzeitig alles irgendwie erträglicher macht.

WOCHE 2

… und sie lacht es wieder weg!

Es ist Ostern. Mit Kind wird man irgendwie selber wieder zum Kind. Aber dieses Jahr müssen wir alleine Ostereier suchen. Die A2 ist an Karfreitag so leer, wie ich sie noch nie gesehen habe.

Viele Dinge werden bewusst.

Unter anderem, wie wichtig diese kleine Tasche Technik ist. Und wie schön es ist, einfach mal wieder für sich selber zu fotografieren.

WOCHE 3

… und dieses Lachen! Es sind eben die einfachen Dinge,
die Freude bereiten. Wie sonntags morgens Brötchen-Tüten an den Tisch tragen.

Das erste Mal seit drei Wochen, dass ich Toilettenpapier einfach so im Regal finde.

Dass wir einfach schnell auf einen Geburtstagskaffe und zum Gratulieren zu den Geburtstagen der Kinder meiner Freundin fahren können, was eine Sache, auf die ich mich sehr gefreut habe nach unserem Umzug.

Dieses Jahr hat es trotz der nur 6 km Distanz nicht geklappt.

WOCHE 4

Die Beratung beim Schuhkauf findet telefonisch, per WhatsApp und von zu Hause aus statt.

Langsam wird alles zur Gewohnheit, jeder Tag ist gleich und die Zeit fliegt an einem vorbei, gleichzeitig hat man wohl noch nicht mal einen Bruchteil des Ganzen hinter sich gebracht.

Dafür erfahren wir so viel Unterstützung und ein Gefühl von Zusammenhalt. Für abgesagte Termine werden Gutscheine gekauft, Buchungen beibehalten und einfach verschoben und Termine für Weihnachten angefragt.

Das ist ein schönes Gefühl und macht verdammt viel Mut! Danke.

WOCHE 5

Die Läden dürfen wieder öffnen und  die Gefühle beim  Stadtbesuch sind ambivalent: man weiß, dass der Einkauf den lokalen Händlern hilft und wichtig ist, andererseits zählt der Kauf eines Buches nicht zwingend zum nötigen täglichen Bedarf, für den man sich berechtigterweise unter Menschen begibt. Trotzdem war es schön.

Ich mache mit einer haushaltsfremden Person einen Spaziergang mit einem Sicherheitsabstand von 1,50 m. Auch irgendwie ein absurdes Gefühl. Tat aber genauso gut, wie der Stadt-Besuch.

Im Fernsehen läuft „Der Tag, an dem die Erde still stand“, ein eher schlechter und doch in zweierlei Hinsicht bedeutender Film. Es war unser erstes Date im Kino Anfang 2009 und es geht um die Rettung der Erde durch die Vernichtung der Menschen, da diese die Erde und sich zerstören.

Letztlich bekommen die Menschen noch eine Chance indem sie sich ändern, wofür sie allerdings einen hohen Preis zahlen müssen. Hoffen wir das Beste.

WOCHE 6

Auch in NRW besteht nun Maskenpflicht. Das macht das alles so sehr sichtbar. Was man nicht mehr sieht ist das Lachen der Menschen und man hat das Gefühl, nicht gehört zu werden.

Sehr sichtbar ist die Schlange vor IKEA. Ein Türsteher regelt die Anzahl der Kunden, die hinein dürfen. In ein Möbelhaus. Nicht in irgendeinen angesagten Club. Verrückt.

WOCHE 7

Es gibt weitere Lockerungen und Lina wird nach 7 Wochen das erste mal wieder von Oma abgeholt. Ein bisschen Normalität. Überall anders sind Abstand und Masken die Themen, die sich einem aufdrängen.

Ein erstes kleines Treffen und das gleiche merkwürdige Gefühl, wie beim Besuch der Geschäfte, nachdem die wieder öffnen durften. Einerseits die Freude, andererseits die Sorge. Und der Abstand zu nahestehenden Leuten ist, den man trotzdem immer noch hält (und sicher noch lange halten wird, schmeckt irgendwie bitter.